Anders sehen lernen

Ähnlich wie in der Fotografie geht es in der Psychotherapie darum, aus der Fülle des Sichtbaren das jeweils Bedeutsame zu erkennen, es herauszuarbeiten, zu vergrössern und unmittelbar greifbar zur Wahrnehmung zu bringen.

Anders als oft in der Fotografie stellt dieser Akt des Erkennens und Herausarbeitens in der Psychotherapie nicht bereits das Endprodukt dar, sondern nur einen unverzichtbaren Schritt auf dem Weg zur Heilung.

Der Psychotherapeut ist nicht frei, erkannte Dinge und Zusammenhänge nach eigenem Gutdünken als bedeutsam zu erklären. Es geht darum, zu erkennen, was für den jeweiligen Patienten und sein Leiden bedeutsam ist. Anders sehen lernen bezeichnet in der Psychotherapie einen diagnosischen Prozess.

Der Patient wiederum wird nicht per se dadurch gesünder, dass der Therapeut etwas Bedeutsames erkannt hat. Er selbst muss erkennen, was für ihn bedeutsam ist. Denn er selber muss auch die notwendige therapeutische Veränderung zustande bringen, um gesund werden zu können. Anders sehen lernen bezeichnet in der Psychotherapie folglich auch einen therapeutischen Prozess.

Das Herstellen eines gemeinsamen Blickwinkels, eines gemeinsamen Fokussierens auf die bedeutsamen Dinge und deren gemeinsame Herausarbeitung, auch unter Umgehung oder Entschärfung von Widerständen, ist nach der Diagnostik die eigentliche psychotherapeutische Arbeit und Kunst.

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